2. Hirtenbrief: Die Methode der Kultursoziologie

Einleitung

Bitte unter diesem Text (siehe Link) nachzusehen, was man über meine Art des Forschens bzgl meiner ethnographischen Soziologie (im Stile der Chicagoer Schule der Soziologie bzw. der klassischen Kultursoziologie im Sinne Max Webers) auch schreibt. Ich sehe mich zu diesem Hinweis gezwungen, da einige Zeitgenossen der Soziologie gerade in Wien über meine Arbeiten nur Unfreundliches von sich geben. Ihnen sei verziehen, schließlich fühle ich mich der Soziologie sehr verbunden:

 

"Danksagung an Roland Girtler" Soziologische Revue, Ethnografie und Soziologie - auch ich sage Dank! 

 

Der Radfahrer als Feldforscher

Gedanken zur Methode der Kultursoziologie bzw. der Kulturanthropologie

Und grad mitt in die Welt hinein !

Ich sag' es dir, ein Kerl, der spekuliert,

Ist wie ein Tier auf dürrer Heide,

Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt.

Und ringsherum liegt schöne grüne Weide.

(Johann Wolfgang von Goethe,  Faust)

 

Zum Gedenken an meinen Freund Univ. Prof.  Dr.  Wolfgang Lipp (1941 – 2014), den eigentlichen Begründer der Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 

 

Bei meinen Forschungen und Lehrveranstaltungen orientiere ich mich vor allem  an den Vorstellungen der Kultursoziologie (und auch der Kulturanthropologie).

Es sind die  Phänomenen des Alltags mit all ihren Symbole und Ritualen, die mich interessieren.

 

Wichtig für die Kultursoziologie und auch die Kulturanthropologie  sind vor allem die  qualitativen Methoden (teilnehmende Beobachtung freies bzw. ero-episches Gespräch - siehe dazu meine Bücher  „Methoden der Feldforschung“ (UTB) und  „10 Gebote der Feldforschung (Lit-Verlag). In dieser Tradition der Kultursoziologie  steht übrigens auch  Erving Goffman, der an der University of Pennsylvania Professor für Soziologie und Kulturanthropologie (!) war.   (https://de.wikipedia.org/wiki/Kultursoziologie). 

Von Wolfgang Lipp stammt das wichtige Buch „Stigma und Charisma“, auf das ich einem späteren „Hirtenbrief“ eingehen werde.

 

Zu Wolfgang Lipp möchte ich privat festhalten, dass ich ihm viel verdanke. So wanderte ich mit ihm und unserem Freund Hartmann Tyrell, Professor für Soziologie in Bielefeld,  ein paar Tage durch das Tote Gebirge im Salzkammergut. Darüber ist im nächsten Kapitel 2a mehr zu lesen. Bei dieser Wanderung sprachen wir auch über kultursoziologische Themen, zu denen auch meine Forschungen bei Wiener „Sandlern“ (Obachlosen), Prostituierten, Wildschützen und anderem Volk gehören.

Wolfgang Lipp, der zu uns von oben herunter lächelt, sei bedankt für seine kultursoziologisch interessanten Gespräche und Arbeiten.  Er war mir ein lieber Freund und Wegbegleiter.   Aber auch Freund Hartmann Tyrell  sei bedankt vor allem für seine liebenswürdigen und gescheiten Gedanken, mit denen er dereinst  meine Schritte im Gebirge beflügelte. 

Die drei Kultursoziologen Wolfgang Lipp, Hartmann Tyrell und Roland Girtler bei ihrer Wanderung 1978 durch das Tote Gebirge - die “teilnehmende Beobachtung” und die “Alpine hut society”.

Wolfgang Lipp, Hartmann Tyrell und Roland Girtler (von links nach rechts) 

Bei der Durchquerung des Toten Gebirges, das zum östlichen Salzkammergut gehört,  gelangten wir nach einigen Stunden zähen Marsches  westlich des sogenannten Salzofen (2070 m über der Adria) zum Dreibrüdersee.  Er liegt  am Fuße des Dreibrüderkogels, welcher  aus drei knapp zueinander liegenden Gipfeln besteht. In einem Bergführer heißt es über diesen kleinen Bergsee, er sei ein  „naturbelassener Bergsee“, den „gehfaule Menschen nie zu Gesicht bekommen werden, denn nur über eine lange Wanderung kann man ihn erreichen“. Wir haben diesen in 1640 Meter Seehöhe abseits des Massentourismus liegenden Bergsee erreicht. erfrischten uns mit dessen Wasser und genossen den Blick auf die Berge.    

 

Wir wanderten dann weiter zu den beiden Lahngangseen und schließlich  zum Grundlsee.  

 

Bei dieser Gebirgswanderung wurde nicht nur über Vagabunden Wildschützen, Sennerinnen, feine Leute, Kolleginnen,  Kollegen und anderes Volk gesprochen. 

Dabei entwickelten sich interessante Gespräche - (z. B. über die “alpine huts society”, womit jene jungen Burschen gemeint sind, die sich auf Almhütten herum treiben und bisweilen die Bewunderung jüngerer und älterer Urlauberinnen genießen).

Die beiden Herren Wolfgang und Hartmann, die sich als gute Bergsteiger erwiesen,  stimmten mir zu, dass jene Art der Feldforschung, zu der die teilnehmende Beobachtung und das „freie“ (ero- epische) Gespräch gehören, ungemein wichtig für die Kultursoziologie seien.  Denn, bei diesen Methoden gelingt es vortrefflich, die Symbole (Lederhose, Bergschuhe, Alpenvereinsabzeichen  usw.) und Rituale (Trinkrituale in der Berghütte, Formen des Grüßens bei Betreten der Herberge, Sitzordnung am Stammtisch usw.)  im Alltag der Bergsteiger zu beschreiben und zu interpretieren. Wesentlich ist, heraus zu finden, wie die betreffenden Menschen, über die man forscht, ihre Welt selbst sehen -  und nicht wie sie der Soziologe sieht  (zur Wissenschaftstheorie der qualitativen Sozialforschung bitte ich in aller Bescheidenheit, in meinen Büchern „Methoden der Feldforschung“,Böhlau-Verlag, und „Die 10 Gebote der Feldforschung“, Lit-Verlag,  nachzulesen, auch im Internet ist einiges dazu zu erfahren). 

 

Diese  Art des Forschens gleicht dem  methodischen Vorgehen von F. W. Whyte, der in seiner berühmten Studie „Street corner society“ (1943)  sich nicht an den üblichen Methoden der Soziologie (Fragebögen,  Statistiken, Experimenten usw.) ausrichtete, sondern an denen der Kulturanthropologie bzw. Ethnologie.  Er beruft sich ausdrücklich  auf die Kulturanthropologie.  Whyte beschreibt in seinem Buch im Stile klassischer Feldforscher den Aufbau und die Organisation von Banden in einem Bostoner Einwandererviertel, das Leben in Kneipen usw.  Man kann viel von Whyte lernen, auch wie er seine Kontakte zu den Burschen der Eckensteher-Gesellschaft (Street corner society) sucht.  Am Beginn  seiner Forschung hatte er allerdings Pech, als er sich an  einen Tisch setzen wollte, an dem einer der „Eckensteher“ mit zwei Damen saß, um sie bei ihren Gesprächen zu beobachten. Der „Eckensteher“  sagte zu Whyte, wenn er nicht sofort verschwinde, würde er ihn die Treppe hinunterwerfen.   Es gelang ihm schließlich doch, gute Kontakte zu den Burschen herzustellen. Diese Forschung führte Whyte gegen Ende der 1930er Jahre durch und zwar im Stadtteil North End von Boston.  Boston war damals von italienischen Immigranten erster und zweiter Generation bevölkert. Die Gegend galt als potentiell unsicher. Der erste Teil des Buches beschreibt den Aufbau und die Organisation der Banden im Stadtviertel. Whyte unterscheidet zwischen corner boys und college boys. Das Leben der ersteren spielte sich an bestimmten Straßenecken und Kneipen ab. 

 

 Bei unserer Wanderung über das Gebirge im Salzkammergut begegneten uns in den Hütten Bauernburschen aus  Altaussee, die herrlich zu singen wussten, die aber auch einer Rauferei nicht abgeneigt waren, wenn Burschen aus Bad Ischl sie wegen ihrer Sangeskunst verspotteten.  Ich würde diese Burschen, da sie sich in Almhütten trafen, im Sinne von Whyte als “alpine hut-society” bezeichnen.  Irgendwie gehörten auch wir drei zu dieser „Gesellschaft“.

 

Jedenfalls haben die beiden Wandersleute Wolfgang Lipp und Hartmann Tyrell mir Mut gemacht, bei Wilderern, Wiener Gaunern, Zuhältern, Dirnen Kellnern, Pfarrersköchinnen usw.  zu forschen.

 

Und außerdem meine ich, dass der echte Feldforscher und die echte Feldforscherin gute Wandersleute sein sollten, denn beim Wandern und Spazierengehen stößt man oft auf Geschichten, die es wert sind, niedergeschrieben zu werden.  

Schließlich glaube ich, dass man mit der spezifisch kultursoziologischen bzw. kulturanthropologischen  Forschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung Spannendes auch über das Leben von Immigranten zu erfahren ist, so z. B. erlebte ich bei meiner Forschung im Wiener Prater, mit welchen Zurufen rumänische „Hutschenschleuderer“ Passanten aus aller Welt, dazu bringen, ihre Geisterbahn zu besuchen.

 

Spannend waren die Gespräche mit Hartmann Tyrell, dem Max Weber-Spezialisten, der mir zwischen zwei Gipfelbesteigungen einiges zum Thema Charisma erzählte. Charisma habe etwas unmittelbar Religiöses an sich, wie Hartmann im Sinne Max Webers meinte, schließlich ist der Begriff Charisma frühchristlichen Ursprungs. Er bedeutet soviel wie Gnadengabe, Glaube usw. Diese religiösen Motive tauchen auch in der Politik aber auch im Sport auf. Auch hier gibt es charismatische Fürsten und Demagogen. Man denke hier nur an Napoleon und Dschingis Khan, den man den “ungestümen Herrscher” nannte. Sie umgeben sich nicht nur mit heiligen Symbolen sondern lassen sich auch mit heiligen Begriffen preisen, wie apostolische Majestät usw. Es gibt auch charismatische Bergführer, die engelgleich die Wände hinauf steigen, um anderen Heil und Segen zu bringen, fügte ich bescheiden hinzu. Hartmann lächelte vergnügt. 

 

Meine beiden Bergkameraden und ich betonten schließlich, wie wichtig auch die Geschichte ist, um heutiges soziales Handeln, das stets auch wegen der Symbole  (Lederhose. Kaiserschmarrn,  sprachlichen Ausdrücken usw.) ein kulturelles ist, zu begreifen. So z. B. verwenden Ganoven Wörter für gewisse Aktionen, die aus dem Mittelalter stammen, oder beim Studium der Landler in Siebenbürgen ist es wichtig,sich mit deren Geschichte, die eine der Vertreibung war, zu befassen, oder bei Dorfstudien ist es spannend, herauszubekommen, welche Familien im Laufe der Zeit Macht ausübten, oder bei der Forschung über das Leben von Wildschützen ist es wichtig zu wissen, dass mit ihnen eine Geschichte der Rebellion verbunden ist , oder beim Studium feiner Leute ist die Geschichte des alten Adels, der heute noch eine Rolle spielt, zu studieren usw.          

                                                                        

Zur Erinnerung an Wolfgang Lipp, der uns in die Ewigkeit vorausgegangen ist, und auf das Wohlsein von Hartmann Tyrell  erhebe ich demnächst in einem Gasthaus am Altausseer See ein Glas mit schäumendem Bier. Es war schön mit ihnen. (Geschrieben im August 2020).

Roland Girtler: Der Gast und der Fremde - Versuch einer Typologie der Vagabunden

Ein klassisches Thema der Kulturanthropologie und der Kultursoziologie ist das des Umgangs mit dem Fremden. Spannend ist, was Georg Simmel in seinem „Exkurs über den Fremden“ (1908) dazu ausführt. Für ihn ist allerdings nicht der Fremde interessant,  der als  Wandernder kommt und geht, sondern der, der kommt und bleibt. Dieser Gedanke wird in gewisser Weise von dem amerikanischen Kultursoziologen Robert Ezra Park (1864 – 1944) , der bei Simmel in Berlin studiert hat, weitergeführt. Und zwar  in seinen Überlegungen zum „marginal man“, dem „Randseiter“.   Ebenso gehe auch ich  in meinen Ausführungen zu den „Randkulturen“ auf den Fremden im Sinne Simmels ein,  überhaupt wenn ich über Vagabunden, also über Landstreicher, Bettler , Schmuggler und Schausteller arbeite  (siehe z.B. meine Hirtenbriefe über Prostitution, Schmuggler und Schausteller im  Prater).

Die Beschäftigung mit dem Fremden, der in einer ihm zunächst fremden Welt überleben will,  ist ungemein reizvoll und anregend.

 

Es gibt so etwas wie eine Urangst vor dem Fremden, wie der Schweizer Professor für Klassische Philologie  Otto Hiltbrunner (1913-2017) in seinem Buch „Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum“ (Darmstadt 2005) meint. Man ist seit Urzeiten vorsichtig vor dem Fremden, weil man nicht weiß, ob er der Gemeinschaft schadet z.B. mitgebrachte Krankheitserreger. Diese Angst ist nicht unberechtigt, denkt man an das schcnelle Aussterben der einheimischen Bewohner der von  Kolumbus entdeckten amerikanischen Inseln.  Ihnen fehlte die Immunabwehr gegen die von den Europäern mitgebrachten Krankheitserregern, an welche die Eindringlinge längst gewöhnt waren.  

 

Andererseits allerdings war man über jene Fremden     erfreut, die als Medizinmänner, Schmiede Trommler, Musiker und Schamanen der eigenen Gruppe Nutzen bringen konnten. Vorsichtige Vorbehalte hatte  man gegenüber Händlern, Bettlern und Schutzflehenden (vgl.  Hiltbrunner 2005, S 10 ff). 

 

Von vornherein verdächtig ist meist jener Fremde, der alleine  daherkommt, denn er konnte jemand sein, der aus seiner Gruppe wegen eines Vergehens ausgeschlossen wurde oder mit einem Fluch beladen war.  Es konnte sogar sein, dass man den Fremden nicht einmal als Menschen sah. So galt das altägyptische Wort „pirom“ (Mensch) nur für Ägypter. Ähnlich bezeichneten manche afrikanische Stämme sich selbst als „Menschen der Menschen“ und die Fremden als Schlangen o.ä.   

Es konnte jedoch auch sein,  dass man meinte der Fremde sei ein Gott, man müsse ihm daher ehrfurchtsvoll begegnen.  Der Gott, der auf Erden weilt, ist ein uraltes Wandermotiv.  So ist im Altnordischen es Odin bzw. Wotan, der umherzieht und die Menschen besucht.  Auch in der „Odyssee“ des griechischen Dichters Homer wird davon erzählt, dass Götter in der Gestalt von Fremden durch die Dörfer und Städte ziehen, um sich über den Frevelmut und das Wohlverhalten der Menschen zu erkundigen (Odyssee 17. Gesang, Verse 485-487).   Es ist also seit jeher nicht einfach, Fremde einzustufen.  An die Idee, dass Gott mit dem Fremden in Beziehung steht, erinnern die heute noch üblichen Dankesworte von wandernden Bettlern: „Vergelt es Gott“.  Mir selbst fiel bei meinen Forschungen in Rumänien auf, wenn ich rumänischen Bettlern ein Geldstück überreichte, sie gewöhnlich mit „Domne ajuta“ (Der Herr, also Gott, möge dir helfen). Als ich einmal müde von einer Wanderung durch Hermannstadt (Sibiu) mich in die dortige rumänische Kirche setzte, meinen alten Rucksack stellte ich neben mich und meinen Hut hielt ich in der Hand, kam eine Frau zu mir und überreichte mir ein paar Lei. Ich war sehr überrascht, dass man mich für einen Bettler hielt,  ich antwortete aber höflich mit dem rumänischen Segensgruß “Domne ajuta“.  

 

Wird ein Fremder zum Gast, der in ein Haus eingeladen wird,  so hat er auch bestimmte Pflichten, um sich als würdig für die Einladung zu erweisen.  In einem altgermanischen Rechtssatz  heißt es: „Zwei Tage Gast, vom dritten Tag an Hausgenosse“. Der als Gast aufgenommene Fremde verliert seine Fremdheit, da er nach zwei Tagen zu den täglich zu verrichtenden Arbeiten mit herangezogen werden kann. ER muss sich also dem Oberhaupt der Familie unterstellen.    Tacitus schreibt über die Gastfreundschaft der Germanen in seiner „Germania“, dass es als Frevel gilt, wenn man einen Fremden  von der Tür seines Haus wegweist, man hat ihn gastlich zu bewirten.

 

Mit diesem Thema des wandernden Fremden beschäftigt sich in wenigen Sätzen auch der heilige Benedikt (ca 480–547), der Gründer des Ordens der Benediktiner,  wenn er in seinen „Regeln“  von jenen „abscheulichen“ Mönchen schreibt, die er als „Gyrovagen“ (Landstreicher) bezeichnet: “Ihr Leben lang ziehen sie landauf, landab und lassen sich für drei oder vier Tage in verschiedenen Klöstern beherbergen. Immer unterwegs, nie beständig, sind sie Sklaven der Launen ihres Eigenwillens und der Gelüste ihres Gaumens. In allem sind sie noch schlimmer als die Sarabaiten“. Die Sarabaiten sind für Benedikt eine ebenso „widerliche Art der Mönche“.   

Auf die Gyrovagen, die Landstreicher“,  hat mich in dankenswerter Weise übrigens Pater Nikolaus Poch von der Ulrichskirche im 7. Bezirk Wiens gebracht. Mit ihm sprach ich nach einer Sonntagsmesse am Platz vor der Ulrichskirche über meine Typologie der Vagabunden (s.u.). Auch diskutierte ich mit Professor DDr Hans Hofinger, einem lieben Freund, über die von Benedikt verachteten faulenzenden Gyrovagen. Hans Hofinger hat übrigens ein schönes Büchl über die Bedeutung der Regeln des heiligen Benedikts für moderne Manager verfasst.  Allerdings scheint  Hans Hofinger, auch er ist wie ich ein Benediktinerzögling, für eine gewisse Art von „anständigen“ Landstreichern Sympathien zu haben.  Auch ich habe sie.  Schließlich hat mir im Kloster Pater Rupert geraten, wenn ich einmal hungrig und müde durch die Lande  ziehen sollte,  zu einem Pfarrhaus zu gehen und  dem Pfarrer diesen Spruch zu sagen: „Pauper studiosus sum, peto te viaticum“ („Ich bin ein armer Student, ich bitte um eine Wegzehrung“).  Dieser Spruch würde Wunder wirken. 

 

Gegenüber bettelnden Fremden waren nicht nur der heilige Benedikt sondern auch die alten Griechen vorsichtig.  Man bezeichnete die besonders frechen unter ihnen als „Parasiten“ (Schmarotzer – aus dem Griech., eigentlich Tischgenosse), nämlich als Menschen, die gut davon leben, von anderen eingeladen zu  werden und an ihrem Tisch sich satt zu essen – ohne  dafür etwas zahlen.  Die modernen  Nachfolger dieser Leute sind jene Spezialisten, die beinahe täglich in Wien zu einer Vernissage oder einer ähnlichen Veranstaltung gehen, bei der Getränke und Brötchen gratis serviert werden.

Auf die Griechen geht auch das Wort Asyl zurück. Asyl kommt vom griechischen Wort „sylon“ für Raub und „a“ (- alpha privativum) als Verneinung.  Ein Asylant ist also jemand, dem zugesichert ist, dass er nicht beraubt oder ähnlich schlecht behandelt wird. Der Asylant genießt also Schutz vor Zugriffen. Das latinisierte Wort „asylum“ ist demnach ein Ort, auf dem Menschen sicher sind, nicht beraubt oder verhaftet zu werden. Solche Orte waren in früheren Zeiten die Kirchen und auch die Universitäten.  

 

Der Asylant hatte allerdings bloß die Garantie der Unversehrtheit, nicht aber einen Anspruch auf sonstige Unterstützung (Hiltbrunner, 2005, S 51f). Hierin liegt wohl der Unterschied zum modernen Asyl.

 

 

Versuch einer Typologie der Vagabunden

 

Der Begriff Vagabund, in dem das lateinische Wort „vagare“ für wandern,  umherziehen oder auch in die Fremde ziehen, steckt, ist umfassend.

Ich versuche hier eine Typologie der Vagabunden

 

 

1. Vagabunden als Fremde.          

                                                   

Die alten Griechen unterschieden  zwischen dem „Xenos“ und dem „Barbaros“.

Der „Xenos“ ist der Vagabund als Fremder, der gastfreundlich empfangen wird, dieselbe Sprache spricht, geachtet wird und dem gegenüber gewisse Pflichten bestehen. Auch der Bettler kann auf Gastfreundschaft treffen, indem man ihm eine kleine Gabe verabreicht.

 

Der Anspruch des „Xenos“ auf eine wohlwollende Behandlung macht das heute modische Wort „Xenophobie“ für Fremdenfeindlichkeit zu einem irreführenden Begriff. Eigentlich müsste es „Barbarophobie“ heißen, denn der „Barbaros“ war bei den Griechen der Fremde als Feind, der eine fremde Sprache sprach und meist in feindlicher Absicht kam. Man missachtete ihn, weil er gänzlich fremd, ungewollt und also zu verjagen war. Einem Fremden dieser Art erging es meist schlecht, vor allem dann, wenn er nicht als gleichwertiger Mensch angesehen wurde.

Der zweite Wiener Bezirk Leopoldstadt verdankt seinen Namen Kaiser Leopold I., der zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Juden aus dem Gebiet des zweiten Bezirkes verjagte. Aus Dankbarkeit dem Kaiser gegenüber nannten Wiener Bürger diesen Bezirk nun Leopoldstadt, was als Zeugnis klassischer Fremdenfeindlichkeit bewertet werden kann.

 

Wurde der fremde Besucher als jemand eingestuft, der die Ordnung des „braven Bürgers“ stören könnte, war sein Aufenthalt von unangenehmen Begleiterscheinungen bis zu direkter Gefahr gekennzeichnet. So durften in vergangenen Zeiten nur die Fremden in Städten an Markttagen verkaufen, die für das Betreten der Stadt auch entsprechend gezahlt hatten.

Einen Höhepunkt erreichte die Fremdenfeindlichkeit in Lourdes. Dort hatte jeder Bürger unter bestimmten Umständen das Recht, dem Fremden, der sich ohne Erlaubnis in der Stadt aufhielt, eine Scheibe Fleisch aus dem Leib zu schneiden.

Fremden, die nicht gastfreundlich aufgenommen wurden, konnte es schlecht ergehen und es bleibt zu hoffen, dass im Fremden zunehmend der „Xenos“ gesehen wird, wie ihn die alten Griechen verstehen.

 

 

2. Echte Vagabunden als Überlebenskünstler -  Bettler und Landstreicher.  

 

Ihre Heimat ist die Landstraße ist, sie sind mit dem Ziel unterwegs, von freundlichen Menschen Dinge zu erhalten, die sie zum Überleben benötigen. Von den herumziehenden Gauklern und Sängern unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keine Künste oder ähnliches anzubieten haben. Sie hoffen den Augenblick befriedigen zu können, die Zukunft erscheint als ungewiss und gefährlich. Während meiner Studien bei den Stadtstreichern wurde mir dieses Charakteristikum bewusst und ich möchte hier eine kleine Geschichte einbringen.

 

Vor einigen Jahren radelte ich von Wien nach Straßburg und nahm meinen Weg entlang der Flüsse Donau, Altmühl, Neckar und Rhein. Im Gebiet um Nördling, auf einer einsamen Straße, erblickte ich vor mir einen mit ruhigen Schritten einher wandernden, nachlässig gekleideten Herrn. Als ich mich ihm näherte, merkte ich, dass er mit sich selbst redete. Er war sich offensichtlich selbst genug, benötigte keinen Kumpan, um seine Sorgen und anderes zu erzählen. Ich schaltete mich in das Selbstgespräch ein und es entwickelte sich eine freundliche Unterhaltung, währenddessen ich mein Fahrrad schob. Er hielt mich offenbar für einen Kollegen, denn nach einiger Zeit erklärte er mir, wo der beste „Strich“ sei, um erfolgreich betteln zu können. Er bezog sich dabei auf eine Gegend in Schwaben.

Solche Vagabunden sind also Reisende, die auf der ständigen Suche nach einem „gelobten“ Ort sind, einem Ort, an dem es sich für kurze Zeit angenehm leben lässt.

Gerade in schlechten Zeiten sind sie unterwegs und füllen die Straßen, die für sie zur Heimat werden und sie zu Bauern und anderen freundlichen Leuten führen, bei denen sie um ein Stück Brot und ein Nachtlager betteln.

 

In den schlechten Jahren vor dem letzten Krieg wurden für diese Leute Herbergen eingerichtet, wo sie als „arme Reisende“ billig Unterkunft fanden. Allerdings waren sie den Sesshaften verdächtig und so wurden die sogenannten Vagabundagegesetze geschaffen, die in Österreich bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Kraft waren.

 

Danach konnten Vagabunden in sogenannten Arbeitshäusern, gefängnisähnlichen Anstalten, oft jahrelang angehalten werden, wenn sie nicht nachweisen konnten, einem ordentlichen Beruf nachzugehen. In der Ganovensprache hieß diese Verurteilung zum wenig freundlichen Aufenthalt im Arbeitshaus das „Binkl“ (oder „Binkerl“). Je nachdem, ob man für zwei oder vier Jahre verdonnert worden war, sprach man vom „kleinen“ oder „großen Binkl“.

Auch die obdachlosen Stadtstreicher gehören zu diesem Typus, denn sie sind zumeist aus ihren Dörfern in die Anonymität der Großstadt gezogen, um hier vagabundierend zu überleben.

 

 

3. Vagabunden auf der Flucht.

 

Der Vagabund als Flüchtling hat seine ursprüngliche Lebenswelt und Kultur aus persönlichen Gründen verlassen. Flüchtlinge und Emigranten sind Fremde dieser Art, nämlich dann, wenn sie in ihrer Heimat bedroht und verfolgt werden. Sie verlieren die Verbindung zu ehemaligen Mitmenschen und werden in der neuen Lebenswelt als Xenoi oder Barbaroi eingestuft.

 

Sie haben ihre Welt verlassen, weil sie von anderen Menschen oder in ihrem Heimatland Arges zu befürchten haben oder weil sie auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Seit der Antike sind Gruppen von Menschen unterwegs, um ein „gelobtes Land“ zu finden, in dem sie in Frieden leben können und in dem „Milch und Honig“ fließt. Heute sind es vor allem Menschen aus Ländern der Armut, die nach Europa und in andere reiche Länder und Kontinente ziehen, entweder, weil sie politisch verfolgt werden oder aus wirtschaftlichen Gründen. Flüchtlinge machen sich vorrangig in Zeiten revolutionären Umbruchs auf den Weg in die Emigration, um ohne Demütigung, Verfolgung und in Sicherheit leben zu können.(Siehe meine obigen Ausführungen zum Asylanten).

 

 

4. Der Vagabund  als Vorzeigeobjekt

 

Der „fürstliche Hofmohr“ Angelo Soliman ist das beste Beispiel für den Fremden zum Vorzeigen oder den Fremden als Exoten. Er ist interessant, weil er vollkommen anders ist als die Menschen seiner neuen Umgebung, in die er entweder gebracht wird, wie unser edler Herr Soliman, oder die er sich selbst sucht, wie zum Beispiel exotische Zirkuskünstler und Bardamen.

 

Das Wort „exotisch“ zeigt deutlich, was gemeint ist. Es kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie „ausländisch“, im Sinne von interessant und bemerkenswert, keineswegs fremdenfeindlich. Ein Exot ist jemand, der Interesse und Aufmerksamkeit erweckt und wegen seines Fremdseins beachtet wird, da er Aufmerksamkeit im angenehmen Sinn erregt. Dabei ist er, wie unser „Hofmohr“ Angelo Soliman, durchaus hoch geachtet, zumindest zu Lebzeiten.

 

Auf der anderen Seite gehören zu diesem Typus aber auch jene Menschen, die wegen ihrer Absonderlichkeit zu Schaustücken wurden, wie Kleinwüchsige, Riesen, Frauen mit Bärten und dergleichen. Sie sind eigentlich nicht fremd, da sie aus derselben Welt kommen, in der sie als „Schaustücke“ auftreten, aber ihr Anderssein macht sie zum Außenseiter, zum Exoten.

 

Die Fremden dieses Typus sind nur solange interessant, wie sie vereinzelt auftreten. Ein „Hofmohr“ ist spannend und erregt Aufsehen, fällt aber nicht auf, wenn hundert Afrikaner neben ihm das Straßenbild beleben, dasselbe gilt für kleinwüchsige Menschen.  

 

Auch ein gewisser Kobelkoff im Wiener Prater gehörte zu solchen Schaustücken im Wiener Prater.  Über ihn erzähle ich in einem späteren Hirtenbrief.

 

 

5. Der Vagabund als Charismatiker.

 

Anders ist es beim Fremden als Charismatiker, also dem, der durch sein Fremdsein eine besondere Ausstrahlung, ein Charisma, hat. So erscheinen zum Beispiel Händler, Künstler oder Gelehrte außerhalb ihres Landes als hochachtbar, was durch das Sprichwort „Der Fremde gilt erst etwas im anderen Land“ unterstrichen wird. Man ist bereit, angesehene Fremde zu Schiedsrichtern oder überhaupt zu Richtern zu machen, da man von ihnen erwartet, dass sie unparteiisch sind.

 

Ich denke, dass ich mit diesen unterschiedlichen Erscheinungsformen die Vielfalt der Fremden auf die es mir ankommt, darstellen konnte.

 

Im Grunde suchen wir alle das Fremde, indem wir dem Alltäglichen entfliehen, an unsere Grenzen gehen. Der Mensch lebt in einem ständigen Wechsel zwischen der Absicht, Grenzen aufzubauen und dem Versuch, Grenzen zu überwinden. Diese Dialektik schafft Kultur.

 

Diese Gedanken kamen mir als Radfahrer auf meinen Touren, auf den ich ständig ein Fremder war und die Rollen wechslte.

 

Einmal, wie in Dresden, bin ich der unliebsame Fremde, den man nicht ins Hotel aufnehmen will, ein anderes Mal, wie in Hamburg, bin ich der willkommene Fremde, dem man einen vollen Tisch und ein gemütliches Lager anbietet. Ein weiteres Mal, an der Universität Kassel, war ich der Exot aus Österreich, der als Universitätsprofessor die weite Strecke von Linz weg auf dem Fahrrad zurücklegte. Schließlich durfte ich mich an der Bewunderung erfreuen, die mir in Wietzendorf zuteil wurde. Ich war zum Charismatiker geworden, der wie ein Pilger durch die Lande auf dem Fahrrad zieht und der deshalb einige Erfahrung besitzt.

 

 

6. Vagabunden als Eroberer

 

Eroberer sind Reisende, die in militärischem Aufzug oder nomadisierend den Ort wechseln. So war das größte Reich, das je ein Mensch befehligte, das Reich des Nomadenfürsten Dschingis Khan, das im 13.Jahrhundert vom Gelben Meer bis zum Mittelmeer reichte.  Nomadische Erobererkulturen sind nicht selten von vernichtenden Folgeschäden begleitet. Unter dem Vorwand, Land für Menschen und grasende Tiere zu brauchen, werden andere Länder überfallen und Gebiete angeeignet. Auch die die nationalsozialistische Diktatur hat ihre militärischen Eroberungszüge bisweilen mit Hinweis auf nomadische Traditionen zu rechtfertigen gesucht, wie beispielsweise auf die Völkerwanderung germanischer Stämme.

Klassische erobernde Reisende waren die Römer, die weit durch Europa zogen. Ein prächtiges Reise- und Kriegstagebuch stammt von Julius Cäsar, der einfühlsame Beschreibungen von Gallien lieferte. Für Eroberer ist es wichtig, gute Straßen für ihre Soldaten zu bauen. Das wussten die Römer ebenso wie die Deutsche Wehrmacht und sie bauten Straßen, beziehungsweise Autobahnen, durch weite Gebiete Europas. Mit den Straßen entwickelten sich auch Kulturen, da sie Wandernden jeder Art die Möglichkeit boten, von Ort zu Ort zu ziehen. Den Soldaten folgten die Marketenderinnen, die Gelehrten und die Abenteurer. Vielleicht hat es niemals mehr so großartige, kunstvoll gebaute und sorgfältig gepflegte Straßen gegeben wie im römischen Kaiserreich. Immerhin war die römische Kaiserzeit die wohl einzige Epoche der Geschichte, in der 300 Jahre lang einigermaßen Friede herrschte.

In dieser Zeit wurden grandiose Straßen gebaut, die zum Entstehen nördlicher Kulturen beitrugen. Die Schönheit dieser Straßen sind an der heute erhaltenen Via Appia zu ersehen, sie verband Rom mit Ländern in alle Himmelsrichtungen.

Die Straßen waren nicht nur für das Militär, sondern auch für die Post und Reisende. Man reiste zu Fuß, zu Pferd, aber auch in zwei- und vierrädrigen Wägen. Man war bereits schnell unterwegs. Die römische Stadtpost legte bei längeren Reisen, die Aufenthalte mit eingerechnet, fünf Meilen, das sind 7,5 Kilometer, in der Stunde zurück.

 

Für gewöhnlich nahmen reiche Römer auf Reisen Sklaven und Mägde mit. Cäsar reiste sogar mit einem transportablen Mosaikfußboden. Sänften, ein Vorläufer des Schlafwagens, Zelte und sogar Badewannen machten die Reise zu einem vornehmen Erlebnis.

 

Unter den Begriff reisende Eroberer lassen sich auch die Seefahrer einordnen, die im Namen ihrer Herrscher auf fernen Inseln und Kontinenten die Fahnen ihrer Herrscher hissten. Zu diesen Eroberern gehört James Cook. Seiner Schiffsmannschaft gehörten die Deutschen Reinhold und Georg Forster an, die erste Beschreibungen naturkundlicher und kulturwissenschaftlicher Art von Hawai lieferten. 

 

 

7. Vagabunden als Kriegsbegleiter und Schlachtenbummler

 

Als eine Art Begleiterscheinung der Eroberer könnte man die Schlachtenbummler bezeichnen. Sie ziehen mit den Kriegsscharen, um die Kämpfenden zu unterstützen. Schlachtenbummler sind in diesem Sinn die mitziehenden Dirnen, Feldärzte, Berichterstatter und jene, die gewisse Dienerfunktionen haben, sei es, dass sie sich um die Pferde kümmern oder sonst wie nützlich machen. Nicht zuletzt gehören auch die dazu, die mitreisen, um die Kämpfenden lautstark anzufeuern. Solch anfeuernde Menschen gab es in früheren Zeiten vor allem dann, wenn es in ritterlicher Weise zu Zweikämpfen zwischen den Hauptkämpfen kam. Diese Tradition wird von heutigen Fußballfans fortgeführt, die die „Kampfmannschaft“ begleiten. Durch kriegerische Symbole und Kriegsgeschrei geben sie den Fußballmatches Farbe, aber sie lassen sie auch zu kriegsähnlichen Aktionen werden. 

 

 

8. Vagabunden als Händler und Hausierer

 

Geschäftsreisende, wie Händler und Hausierer, folgten den Armeen, um Handelsgüter zu bringen oder zu holen.

 

Aber Händler nahmen auch das Abenteuer auf sich, in fernen Ländern mit Waren vagabundierend zu handeln. Die Straßen der Karawanen durch die Wüsten Afrikas künden von der Verwegenheit reisender Kaufleute, die als erste in das Innere Asiens vordrangen, wie die Venezianer Marco Polo, sein Vater und sein Onkel. Sie gelangten im 13. Jahrhundert an den Hof des Kublai Khans. Marco Polo verfasste darüber ein ganzes Buch, allerdings glaubte ihm damals niemand seine Geschichten und bei Karnevalsumzügen in Venedig wurde noch lange nach Marco Polos Tod eine Figur mitgetragen, die man als „Meister, der Millionen Märchen erzählt“ bezeichnete. Dieser „Meisterlügner“ sollte Marco Polo sein. 

 

Händler waren Kulturträger, die Gegenstände von einem Ort zum anderen brachten. So fanden Archäologen bei ihren Ausgrabungen in Hallstatt, hier handelt es sich um Kultur um 800 v. Christus, Dolche aus Mykäne. Man fand auch in Österreich Feuersteingeräte, die aus dem Norden eingehandelt worden sein müssen.

Die heutigen Händler bauen damit auf einer alten Tradition auf, die von der Deutschen Hanse und schließlich von den Besuchern moderner Messen weitergeführt wird.

 

 

9. Vagabunden als Gaukler, Schausteller und Wandermusikanten

 

Zu den Geschäftsreisenden gehören auch jene Fahrenden, die als Hausierer jeder Art, wie Gaukler, Dirnen, Bärentreiber und Schaubudenbesitzer dem staunenden Publikum gegen Geld etwas anboten. Auch die klassischen Sänger sind zu nennen, die unterwegs waren, um durch Gesang zu Speise, Trank und Geld zu kommen. Diese fahrenden Sänger haben eine lange Geschichte und die wohl ältesten Berichte über diese Leute stammen von den Sumerern.

 

Als Wandermusikanten erzählten sie von Göttern und Helden, zogen von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, um ihre Lieder vorzutragen. Dafür gab es einen guten Braten, einen kräftigen Trunk und Applaus. Wir wissen davon durch Tontafeln, auf denen über diese Leute erzählt wird, aus der Zeit um 2000 v. Chr.      

 

 

10. Vagabunden als Schmuggler und Piraten

 

Auch Piraten und Schmuggler und ähnliche Leute sind Reisende, allerdings ist ihr Leben durch Kriminalität, Kämpfe, Ärgernisse, Gefahren und manchmal Gewalt verbunden. Aber auch eine gewisse Romantik umgibt diese „Helden der kleinen Leute“, vor allem dann, wenn sie gegen die Interessen mächtiger Herren rebellierten. Einer der bis heute große Verehrung genießt, ist der norddeutsche Pirat Klaus Störtebecker.

 

 

11. Vagabunden als Diplomaten

 

Geschäftsreisende im speziellen Sinn sind dagegen Diplomaten, die die Interessen ihres Staates und seiner Bürger vertreten.

Historisch erfüllten Händler, wie z.B. Marco Polo und die Herren der Westindischen Handelskompanie, zugleich diplomatische Funktionen und bilden insofern eine Mischung aus verschiedenen Typen des Reisenden.

 

 

12.  Vagabunden als wandernde Abenteurer, Studenten, Wandermönche, Wanderburschen, Radtouristen u.ä.

 

Um den Horizont zu erweitern, um neue Fähigkeiten zu erwerben und ganz allgemein, um in der Fremde etwas zu lernen, das von Nutzen sein kann, waren seit jeher vor allem junge Leute unterwegs. In einem alten Gedicht heißt es in diesem Sinn:

 

„Wer stets daheim bleibt

wie ein schneck,

der bleibt ein unerfahrner geck;

wer aber wandert in der jugend,

der lernet weisheit, kunst und tugend“

 

Die frühen Studenten, die Scholaren, nahmen lange Märsche auf sich, um zu den Universitäten zu gelangen. Sie zogen über die Alpen nach Padua oder nach Prag und Wien, wo die Universitäten großes Ansehen genossen. Wer sich bilden wollte, war also gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Das taten zunächst die arabischen Studenten, dann die Studenten Mitteleuropas. Die herumziehenden Studenten, man nannte sie Vaganten, hatten keinen guten Ruf, denn sie standen bei ihren Wanderungen in engem Kontakt zu kleinen Ganoven, Bettlern, Dirnen und anderem fahrenden Volk. Sie haben wunderbare Dichter hervorgebracht, die in ihren Liedern das bunte Leben der fahrenden Studenten beschrieben.

 

Ein später Vagant war der Magister der Pariser Universität Francois Villon, der ob seiner Zuhälter- und Ganovenlieder berühmt wurde.

 

Vor dem Hintergrund einer Weltkultur, die keine nationalen Grenzen kannte und dem Aufblühen der Städte, waren Scholaren und Magistri in Bewegung. In Bologna studierte man die Rechte, in Salerno die Medizin und in Paris die Theologie. Die Lieder der Vaganten geben einen Einblick in dieses Leben. Sie sind uns aus der im Jahre 1803 im Stift Benediktbeuren entdeckten Handschrift, der sogenannten „Carmina Burana“, überliefert. Es handelt sich dabei um Trink-, Liebes- und Spielerlieder des 12. und 13. Jahrhunderts.

 

Auch Paracelsus gehörte diesen herumziehenden Menschen an. Die Tradition der alten Vagantenkultur wurde von den Studenten im vorigen Jahrhundert weitergeführt. So zum Beispiel in dem von dem Bergpriester Ottokar Kernstock gedichteten Lied, das mit den Worten beginnt:

„Vale universitas, Bursa et Taverne, Blumen dringen durch das Gras und uns lockt die Ferne.“ Der Refrain dieses Liedes heißt:

„Sumus de vagentium, ordine laudando, petimus viaticum, poro properando.“ Übersetzt: „Wir sind vom zu lobenden Orden der Vaganten und bitten um eine Wegzehrung, damit wir uns schnell entfernen können.“

 

Zu diesen fahrenden Studenten oder Scholaren gesellten sich die Handwerksburschen, die schon seit dem Mittelalter auf ihren Wanderschaften weit umherkamen.

 

 

13. Vagabunden als Forschungsreisende

 

Letzteren verwandt sind die Forschungsreisenden, nämlich jene Leute, die sich nach einem mehr oder weniger bestimmten Plan auf die Reise begeben, um Entdeckungen zu machen.

 

Die Geschichte der Forschungsreise ist alt. Bereits Cäsar war eine Mischform aus Eroberer und Forschungsreisendem, der eifrig bemüht war, etwas über das Leben in Gallien zu erfahren.

 

 

14. Vagabunden als Wallfahrer  bzw. Pilger

 

Verwandt mit den vorhergehenden Typen sind auch die Wallfahrer, die bisweilen keinen guten Ruf genossen. So soll sich die in Wien gängige Bezeichnung „Pilcher“ oder „Pülcher“ für einen üblen Burschen von dem Wort „Pilger“ ableiten.

Auch bei der Wallfahrt geht es um ein Geschäft, allerdings um ein höchst sakrales. Wallfahrer gibt es schon seit der Antike, als eine Unzahl von Heiligtümern schon früh Pilger anlockte.

 

Man zog, meist in Scharen, zu heiligen Quellen, heiligen Hainen oder zu Tempeln wundertätiger Götter. Zu beachten ist, dass die Wallfahrtsorte, eben weil viele Menschen zusammenkamen, schon sehr früh zu Orten wurden, an denen man gute Geschäfte mit Andenken und heiligen Dingen machen konnte. Manche Jahrmärkte dürften sich aus solchen Pilgerstätten entwickelt haben.

 

Während des Mittelalters hatten verschiedene Wallfahrtsorte einen unterschiedlichen Rang für das Seelenheil der Besucher, den der Papst bestimmte. In der ersten Reihe standen Rom, Jerusalem und Compostella. Aus den Wallfahrten nach Jerusalem entwickelten sich später übrigens die Kreuzzüge, die eigentlich nichts anderes waren als kriegerische Wallfahrten mit Eroberungsabsichten.

 

 

15. Vagabunden als Vergnügungsreisende und Urlauber

 

Eine andere Mischform sind Händlerreisen und Wallfahrten, die auch gleichzeitig eine Färbung von Vergnügungs- und Urlaubsreisen hatten, wenn es dabei zu allerhand Ausschweifungen kam. So machten bei den Fahrten zum Agnes–Brünndl in Wien am Beginn des 19. Jahrhunderts Dirnen ein recht gutes Geschäft. In diesem Sinn sind Dirnen eben auch als Geschäftsreisende zu sehen. Auch heute dürften Wallfahrten nicht selten als Gelegenheiten gesehen werden, um einander näher zu kommen. So erzählte mir ein alter Bauer, dass früher Mädchen und Burschen aus bäuerlichen Familien kaum miteinander in Kontakt kommen konnten und dass sie daher gerne zu bestimmten Kapellen Wallfahrten unternommen haben. Angeblich, um zu beten, tatsächlich aber, um sich dort zu vergnügen. Eine Marienkapelle in Spital am Pyhrn bezeichnet dieser Bauer sogar als „Zeugungsanstalt“.

 

Die alten Pilgerzüge, die aus langen Fußmärschen bestanden, boten vielen die Möglichkeit einigermaßen gesichert und geschützt auf Vergnügungsreisen zu gehen, während einer Zeit, in der es von Räubern und Dieben auf den Landstraßen nur so wimmelte.

 

Vergnügungsreisende sind auch Urlaubsreisende.

 

Immer wenn sich ein Mensch für eine Weile von seiner Umwelt erholen will, begibt er sich auf Wanderschaft oder eben auf Urlaub. Von den alten Eskimos wird berichtet, dass sie ein halbes Jahr in engem Kontakt miteinander lebten. Sie trafen sich in Schwitzhäusern und verbrachten die meiste Zeit in bevölkerten Zelten. Während der restlichen Zeit des Jahres zogen sie es aber vor, allein und jagend unterwegs zu sein. Dabei hatten sie wohl Zeit, sich von ihren Bekannten und Freunden zu erholen. 

Urlaubsreisen sind auch die Reisen in die Alpen, um auf die Berge zu steigen. Nur wenige Leute stiegen in früheren Zeiten zum Vergnügen in die Berge.

Einer, dem es Lust bereitete auf einen Berg zu wandern, war der italienische Dichter Petrarca, der den Mont Ventoux bei Avignon bestieg und darüber in schönen Worten berichtete. Heute lebt eine ganze Fremdenverkehrsindustrie von den Urlaubern in den Bergen.

 

Zu den Urlaubsreisen zählen auch die Reisen in die Bäder. Die Badeorte, wie Karlsbad und Bad Gastein zum Beispiel, entwickelten ein buntes Leben, an dem sich feine Leute beteiligten, auch in der Hoffnung auf ein Liebesabenteuer.

 

Während es früher vor allem die Tempel und Wallfahrtskirchen waren, die Reisende anlockten, sind es heute die diversen Kunststätten, Gedenkstätten und Naturerscheinungen. Aber auch diese gab es bereits in der Antike. So wurde in einem Tempel in Sparta den frühen Touristen das Ei der Leda gezeigt und in Lindos stellte man eine Schale aus Elektron aus, die angeblich der Originalabguss des Busens der schönen Helena gewesen sei. In einem Tempel in Phokis wurde sogar ein Lehmklumpen gezeigt, der von jenem Lehm stammte, aus dem Prometheus den Menschen gebildet hat. Manche frühen Urlauber wanderten in den Kaukasus, um den Berg zu sehen, an dem Prometheus angeschmiedet gewesen sein soll.

 

 

16. Vagabunden in Liebessachen  - Marketenderinnen

 

Der Vollständigkeit halber sei auch der Reisende in Liebessachen angeführt, obwohl er genauso gut unter dem Typus des Vergnügungsreisenden behandelt werden könnte.

Die Reisenden in Liebessachen haben eine besondere Geschichte, sowohl als Hochzeiter als auch als kühne Verführerinnen und Verführer, wie ihn der große Casanova repräsentierte. In Ehrfurcht sei auch der Damen gedacht, die im Tross der Heerzüge als Marketenderinnen mitreisten, um die Soldaten zu erfreuen oder denen, die zu großen Festen, Kongressen oder Konzilen der Kirche reisten, um Politikern, frommen Bischöfen und anderen feinen Herren mit ihren Liebesdiensten zur Verfügung zu stehen.

 

 

17. Vagabunden als Intellektuelle,  Rebellen und Hippies

 

Es gibt auch Reisende, die als Intellektuelle oder als Rebellen das Wandern als Symbol der Freiheit oder als Reaktion auf engstirniges Denken begreifen. In diesem Sinn zogen rebellische Studenten des 19. Jahrhunderts, die Brüder Grimm, Hoffmann von Fallersleben und andere Menschen von weitem Geist durch die Gegend. Das Erbe Hoffmann von Fallersleben sind nicht nur Kinder– und Wanderlieder, wie „Alle Vöglein sind schon da“, „Summ, summ , summ, Bienchen summ herum“ und das „Deutschlandlied“, das Lied eines frei herumziehenden Mannes, der sich an keine Grenzen halten wollte, sondern auch ein Vokabular der Gaunersprache und Gedichte, die in dieser verfasst wurden.

 

In dieser romantischen Tradition befindet sich auch die Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem die Wandervögel, mit ihrer Lagerfeuerromantik und ihren Liedern, in denen sie das Leben der Vagabunden pries. Auch in der Hippiebewegung der 70er Jahre finden sich romantisierende Elemente der alten Kultur der Vagabunden.

 

 

18. Vagabundem als Verbannte und Gefangene

 

Einen speziellen Typ der Reisenden bilden Verbannte und Gefangene. Menschen, die mit Gewalt gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, und jene, die gegen ihren Willen von einem Ort zum anderen gebracht werden. Verbannte waren jene aufrechten österreichischen Protestanten, die unter der „frommen“ Maria Theresia nach Siebenbürgen vertrieben wurden. Verbannt wurden übrigens auch die Wiener Freudenmädchen unter besagter Dame, die im Banat unter Zwang eine neue Heimat fanden. Dorthin wurden etwa zur selben Zeit übrigens auch Wilderer aus Oberösterreich gebracht.

 

Man könnte also fast mutmaßen, dass aus der Verbindung von Wiener Dirnen und oberösterreichischen Wilderern jene Leute stammen, die gegen Ceaucescu den Aufstand begonnen haben, da dieser in Temesvar, dem Hauptort des Banat, begann. Irgendwann erzählte ich einem Herrn diese Geschichte, der das nicht hören wollte und entgegnete, Leute aus Ungarn würden heute noch die Banater damit ärgern zu sagen:

„Ihr stammt ja ohnehin nur von den Wiener Huren ab.“

 

 

19. Vagabunden als Heimkehrer – die Nachfahren des Odysseus

 

Ein weiterer Typ des Reisenden ist der Heimkehrer. In ihm lebt die Freude des Wiedersehens mit Familie und Freunden, die für ihn Heimat schlechthin sind. Der schon mehrfach erwähnte Odysseus ist der klassische, heimkehrende Reisende, der über die Meere in sein Königreich Ithaka zu gelangen versuchte und nach vielen Jahren auch ankam. Allerdings erscheint er als Bettler an seinem Königshof und der Schweinehirt Eumaios erkennt ihn nicht. Sehr wohl aber sein alt gewordener Hund Argos, der mit dem Schweif wedelt, seinen Kopf zur Seite legt und stirbt.

Heimkehrer sind die nach dem Krieg heimflutenden Soldaten und all jene, die nach langer Zeit der Abwesenheit wieder in ihre Heimat zurückkehren, entweder als erfolgreicher Geschäftsmann oder als gescheiterter Zeitgenosse.

 

 

20. Vagabunden als Automobilisten – Reisende im Stau

 

Mit der Erfindung des Autos ist etwas weltgeschichtlich Einmaliges eingetreten. Noch nie gab es so viele Menschen, die gleichzeitig unterwegs sind und sich gegenseitig behindern wie Automobilisten und Reisende im Stau. Auf alten Ansichtskarten Wiens ist zu sehen, wie Leute gemütlich über die Straße schlendern und einige wenige Kutschen an ihnen vorbeifahren. Mit der Autokultur hat sich das Stadtbild wesentlich verändert und dieselben Straßen sind verstopft. Träge wälzt sich die Autoschlange durch die Straßen der Stadt und auf den Autobahnen über Land, nicht bloß für einige Momente, sondern in unregelmäßiger, aber steter Dichte.

 

Noch etwas ist einmalig: Der Reisende ist durch die Karosserie des Autos vollkommen abgehoben von der Umwelt und anderen Reisenden. Dies scheint sich auf seine Verhaltensformen auszuwirken, wenn Autofahrer meinen, sich gegenüber Fußgängern und Radfahrern willkürlich verhalten zu können. Typisch für das moderne Reisen im Auto ist übrigens auch, dass es hingenommen wird, nicht weiter zu kommen und im Stau zu stehen. Es gibt so etwas wie eine Stau-Kultur, die darin besteht, für die Zeit des Stillstandes im Verkehr Beschäftigungen zu suchen, wie Gesellschaftsspiele, Lesen, Computerspiele oder ähnliches.

 

 

21. Vagabunden als Künstler - die Apodemiker

 

Zu einem wahren Künstler wird ein Vagabnund dann, wenn er eben die Reise zu einer Kunst erhebt. Klassische Vorläufer dieses Typus sind die sogenannten Apodemiker früherer Jahrhunderte.

 

Die Apodemik, die Reisekunst, bestand darin, durch Reisen zu lernen. Dabei ging es nicht um das Ziel wie bei den Scholaren, die zu einer Universitätsstadt strebten, sondern um das Erlebnis des Reiseweges.

 

1577 veröffentlicht der bayerische Arzt Hilarius Pyrckmair einen „Commentariolus De Art Apodemica seu vera peregrinandi natione“. Hier taucht das Wort „Apodemik“ zum ersten Mal auf und bleibt bis Ende des 18. Jahrhunderts in Gebrauch. Bei der Apodemik geht es um die Bildungsreise im besten Sinn, denn man verlangt vom Reisenden, dass er nicht blind durch die Gegend reist, sondern die schönsten und wichtigsten Dinge in sich aufnimmt. Dies bedarf einiger Kunst. In einem anderen Buch, das auch 1577 erscheint und mit „Methodus Apodemica“ betitelt ist, gibt ein gewisser Theodor Zwinger Anweisungen zum Reisen.  Diese Apodemiker oder Reisekünstler waren gescheite Leute und rieten bereits dazu, ein genaues Reisetagebuch zu führen, so wie auch ich das bei meinen Radtouren handhabe. Es ist bemerkenswert, dass man sich in den Büchern zur Apodemik, deren Anzahl immer größer und deren Inhalt komplizierter wurde, wieder auf Horaz berief, der in seiner „Ars poetica“ den Vorzug des Auges vor dem Ohr rühmt. Es kommt also darauf an, was man selbst gesehen hat. Im Sinne von Horaz preise ich daher eine echte Feldforschung, bei der der Forscher gut beobachtet und sich beim Schreiben Mühe macht, als einen Akt der Poesie.

Um möglichst viel über fremde Welten zu erfahren, rät einer der glänzendsten Apodemiker, der Empirist Francis Bacon, häufig die Quartiere zu wechseln und sich mit neuen Leuten einzulassen. Schließlich ermuntern die Apodemiker die Reisenden, auch die Ungelehrten zu befragen, denn von diesen erfahre man Dinge, die nicht in den Büchern stehen.

 

 

22. Der Rad fahrende Vagabund als Reisekünstler

 

So nenne auch ich mich auf meiner Visitenkarte. Ich bin noch immer der Meinung, dass erst der rechte Wanderer und Radfahrer einen wirklich guten Zugang zu den Menschen finden kann, der ihm hilft, menschliche Kulturen begreifen zu lernen.

So habe ich meine Studien über Bergbauern und Wilderer als Wanderer in Begleitung meines Dackels Sokrates durchgeführt.

 

Ich sehe mich als Radfahrer auch in der besten Tradition der alten, herumziehenden und heiter lebenden Studenten des Mittelalters, über die ich oben erzählt habe.

Vor einiger Zeit schrieb ich in diesem Sinne einen Artikel mit dem Titel „Die Würde des Radfahrers“, der in der Zeitschrift für Volkskunde erschien. Darin vertrat ich die Ansicht, dass der gute Forscher, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs ist, eine bessere Beziehung zu Land und Leuten herstellen kann, als ein forschender Autofahrer.

Man begibt sich in die Fremde, wird zum Fremden, um bei der Rückkehr den staunenden Freunden besondere Dinge erzählen zu können. Es waren gerade die Erzählungen über fremde Kulturen und fremde Welten, die immer Eindruck machten. Bereits im Altertum tischten weitgereiste Leute wunderbare Märchen und phantastische Lügen auf. Sogar Kolumbus soll allen Ernstes erzählt haben, dass er lebende Sirenen aus dem Meer auftauchen sah. Der typische Reisefabulierer und Phantast ist der bekannte Lügenbaron Münchhausen.

 

Trotz der Lügen und Märchen, die verwegene Reisende, zu denen auch Sindbad der Seefahrer gehörte, verbreiteten, genossen Reisende höchstes Ansehen. An diese Tradition knüpfen moderne Urlaubsreisende an, wenn sie uns von hohen Bergen oder entlegenen Inseln Ansichtskarten in die Heimat senden.

 

 

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